Biodiversitätsmanagement in Unternehmen.

Ein Interview mit Dr. Ulrike Eberle und Dr. Verena Timmer

Der Schutz und die Förderung von Biodiversität sind mindestens ebenso wichtig, wie den Klimawandel zu bremsen. Laut einer aktuellen Studie des World Economic Forum wird der Rückgang der Biodiversität als das zweitgrößte langfristige Risiko unseres Wohlstands angesehen. Mit Dr. Ulrike Eberle und Dr. Verena Timmer haben wir dazu gesprochen, wie Biodiversität in das Nachhaltigkeitsmanagement von Unternehmen integriert werden kann.

Ulrike, seit wann beschäftigst du dich mit dem Schutz von Biodiversität?

Ulrike Eberle: Ich bin Biologin und habe mich auch in der Schulzeit schon für Umwelt- und Naturschutz interessiert. Den drastischen Rückgang von Biodiversität beobachte ich seit vielen Jahren mit großer Sorge. Auch in Forschung und Beratung beschäftige ich mich schon lange mit Biodiversität und wie der Schutz von Biodiversität in das Management von Unternehmen einbezogen werden kann. Denn dazu müssen Auswirkungen auf Biodiversität auf Ebene von Produkten und Dienstleistungen gemessen werden können. Und genau das war vor einigen Jahren noch nicht wirklich möglich. Daher war ich schon vor 15 Jahren involviert in die Beantragung eines Forschungsprojekts, wie ein Biodiversitätsfußabdruck berechnet werden kann.

Das klingt spannend. Wo steht ihr da heute?

Ulrike Eberle: Wir haben damals, gemeinsam mit Jan Paul Lindner, eine Methode entwickelt, wie Auswirkungen auf Biodiversität in Ökobilanzen abgeschätzt werden können, wir also Biodiversitätsfußabdrücke für Produkte berechnen können. Die Methode wurde gerade aktuell im Forschungsvorhaben BioVal weiterentwickelt, das ich an der Universität Witten/Herdecke geleitet habe. Wir haben jetzt eine Methode und ein einfach zu bedienendes Excel-Tool, mit dem der Biodiversitätsfußabdruck berechnet werden kann und somit Biodiversität auch gemessen werden kann. Die Voraussetzung für die Integration in Managementsysteme ist somit gegeben.

Verena, Du berätst ebenfalls seit vielen Jahren Unternehmen. Wo siehst du die größten Hebel, wenn Unternehmen Biodiversität schützen wollen?

Verena Timmer: Der stärkste Hebel liegt in den Lieferketten – dort entstehen die größten Auswirkungen auf Biodiversität, sei es beim Anbau oder dem Bezug von Rohstoffen oder beim Fischfang. Wenn Unternehmen Transparenz schaffen, Risiken erkennen und mit Lieferant:innen an biodiversitätsfreundlichen Praktiken arbeitet, erzielen Sie den größten Effekt. Ein zweiter Hebel ist, dass Unternehmen Biodiversitätsschutz in ihre Nachhaltigkeitsstrategie einbetten und messbare Ziele definieren sollten.

Wie unterstützt ihr Unternehmen in diesem Prozess?

Verena Timmer: Bei corsus selbst haben wir Angebote, wie Unternehmen ihre Auswirkungen auf Biodiversität messen können, also einen Biodiversitätsfußabdruck berechnen können, wie Biodiversität im Lieferant:innenmanagement mitgedacht werden kann und insbesondere unterstützen wir dabei, Biodiversität in die Nachhaltigkeitsstrategie zu integrieren. Hier denken wir auch aus der Risikomanagement- und Strategieperspektive für unsere Kund:innen, indem wir fragen: Inwiefern hat Biodiversität finanzielle Auswirkungen auf die Unternehmenstätigkeiten – ganz im Sinne der doppelten Wesentlichkeit – z. B. durch den potenziellen Wegfall von Anbaugebieten oder Kostensteigerungen in der Lieferkette.

Was empfehlt Ihr Unternehmen konkret?

Ulrike Eberle: Wir empfehlen, schrittweise vorzugehen: Zuerst Transparenz schaffen, dann Prioritäten setzen und schließlich konkrete Maßnahmen abzuleiten. Wichtig ist, dass Biodiversität als kontinuierlicher Managementprozess verstanden wird – ähnlich wie Klimaschutz oder menschenrechtliche Sorgfaltspflichten. Unternehmen sollten Biodiversität nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance begreifen – etwa für resilientere Lieferketten oder eine bessere Reputation im Markt.

Im Forschungsvorhaben BioVal haben wir diese Erkenntnisse im Praxishandbuch Biodiversitätsmanagement veröffentlicht, das Unternehmen konkrete Hilfestellung gibt, wie Biodiversität in ihre Managementsysteme integriert werden kann. Die Unternehmen Ritter Sport, Seeberger und FRoSTA haben die Instrumente getestet und zeigen, Biodiversitätsmanagement zu integrieren, ist möglich und vielmehr noch: Es lohnt sich!

Welche Auswirkungen haben regulatorische Anforderungen aus Eurer Sicht und welche Rolle spielen dabei Banken für Biodiversität?

Verena Timmer: Ohne eine Bewertung der aktuellen politischen Diskussion, z. B. zur CSRD oder CSDDD hier vertiefen zu wollen, steht für mich unterm Strich fest: Biodiversität wird und muss zukünftig stärker auf der Agenda von Unternehmen stehen. Banken und Versicherungen werden weiterhin nach ESG-Kriterien und somit auch nach Biodiversität fragen. Unternehmen müssen daher sprachfähig sein. Das gilt hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Biodiversität und ihrer Abhängigkeit von Biodiversität.

Zum Abschluss: Was sollten Unternehmen aus Eurer Sicht unbedingt mitnehmen?

Ulrike Eberle: Biodiversitätsschutz ist kein „Nice-to-have“, sondern eine zentrale Zukunftsfrage. Mit den richtigen Tools können Unternehmen Biodiversität strukturiert und pragmatisch in ihre Strategie und ihr Management integrieren. Gerne unterstützen wir dabei!

Weitere Informationen:

Podcast Biodiv „Das Gleiche in Grün“

Dr. Ulrike Eberle & Dr. Verena Timmer bei der Preisverleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises (DNP) 2024