corsus bei RNE-Jahrestagung „Zukunft gewinnen“
Der Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE) lud am 29. September nach Berlin zu seiner Jahrestagung und zur Feier seines 25-jährigen Bestehens ein. Die Gestaltung der Zukunft stand im Fokus: Gemeinsam wurden Zukunftsszenarien, ebenso wie nachhaltige Strategien für grüne Moleküle und Sicherheit weiterentwickelt. Bundekanzler Friedrich Merz hielt die Keynote. Auf dem Podium gab es zudem Raum für die Perspektive der Jugend auf eine nachhaltige Zukunft. Für corsus nahm Dr.-Ing. Krishan Gairola teil.
Zu Beginn erhielt das Publikum einen Einblick in die Arbeit des Rates. Dabei wurde deutlich, welche zentrale Bedeutung der persönliche Austausch zwischen den Mitgliedern hat, um konstruktiv mit unterschiedlichen und teils gegensätzlichen Positionen umzugehen. In der anschließenden Diskussion mit dem Bundeskanzleramt betonte der Rat, dass er sich wünsche, dass solche Prozesse der Verständigung und Einigung auch in der Politik stärker Widerhall finden. Myriam Rapior (RNE) verwies in diesem Zusammenhang auf die Zukunftskommission Landwirtschaft, der es gelungen sei, ein politisch hoch aufgeladenes Thema im gemeinsamen Dialog zu bearbeiten und zu tragfähigen Ergebnissen zu kommen – ohne dass diese bislang in ausreichendem Maße politisch aufgegriffen worden seien. Insgesamt müsse Nachhaltigkeit deutlich stärker als ein systemisches Prinzip und gewissermaßen als „Betriebssystem“ der Volkswirtschaft verstanden werden, so Achim Steiner (RNE). Andere Länder, etwa China, gingen diesen Weg derzeit bereits konsequenter. Das Thema Resilienz könne dabei als Brücke dienen, um Nachhaltigkeit wieder stärker ins Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Debatte zu rücken, ergänzte Marlehn Thieme (Welthungerhilfe).
Hauptredner des Tages war Bundeskanzler Friedrich Merz. In seiner Rede und der anschließenden Diskussion skizzierte er Nachhaltigkeit als eine zentrale politische Leitidee und erklärte das 21. Jahrhundert zum „Jahrhundert der Nachhaltigkeit“. Die bislang vielfach als Spannungsverhältnis verstandene Beziehung zwischen Ökologie, Sozialem und Ökonomie müsse im Sinne einer generationengerechten Politik neu ausbalanciert und zusammengeführt werden. Nachhaltigkeit sei daher nicht als einzelnes Politikfeld, sondern als übergreifendes Leitprinzip politischen Handelns zu verstehen. Ökologische Sicherheit stellte Bundeskanzler Merz dabei gleichrangig neben die innere und äußere Sicherheit. Zugleich warb er dafür, den vermeintlichen Gegensatz zwischen wirtschaftlichem Erfolg und konsequentem Klimaschutz zu überwinden. Für den 30. September kündigte der Bundeskanzler den Beschluss des Aktionsplans Nachhaltigkeit im Kabinett an. Dieser soll die großen Investitionsvorhaben der Bundesregierung systematisch mit ihrer jeweiligen Nachhaltigkeitswirkung verknüpfen und damit Nachhaltigkeit stärker in staatliches Handeln integrieren. Für die Weiterentwicklung des Plans setze er auf die Expertise des Rates.
Ob aus dem ausgerufenen „Jahrhundert der Nachhaltigkeit“ allerdings auch ein Jahrhundert nachhaltiger Politik wird, bleibt abzuwarten. Die bisherigen politischen Entscheidungen lassen dabei nicht nur erheblichen Raum für Zweifel, sondern zeugen aus unserer Sicht vielmehr von einem politischen Kurs, der den eigenen Anspruch an Nachhaltigkeit bislang eher konterkariert als eingelöst hat. Umso mehr wird sich die Politik daran messen lassen müssen, ob den Worten des Bundeskanzlers tatsächlich entsprechende Taten zu u.a. Klimaschutz, sozialer Gerechtigkeit, der Abkehr von fossilen Brennstoffen insbesondere auch durch sein Kabinett folgen.
Das Abschlusspanel rückte die Perspektiven junger Menschen in den Mittelpunkt der Veranstaltung. Sie machten unter anderem deutlich, wie wichtig selbst gestaltbare Räume und Mitsprache auf Augenhöhe (Isabel Rutkowski, Katholische Landjugend) und positive Zukunftsbilder (Martina Vollmer, Siemens) sind und wie verheerend soziale Kürzungen z.B. beim Unterhaltsvorschuss die Zukunftschancen junger Menschen beschneiden (Moritz Tapp, Bundesjugendring). Theodor Schell (Bürgermeister Scheinfeld) betonte, dass nachhaltige Entwicklung die Bedürfnisse junger Menschen auf dem Land und insgesamt Stadt-Land Konflikte stärker adressieren müsse. Alle vier waren sich einig, dass die Repräsentation junger Menschen – auch im Rat – ausgebaut und junge Stimmen nicht nur zu Jugendthemen, sondern in aller Breite systemisch eingebunden werden müssten. Die sichtbar beeindruckten Ratsmitglieder versprachen sich dafür einzusetzen, Dr. Werner Schnappauf versprach, seinen Platz nach Ablauf seiner Amtszeit explizit dafür zur Verfügung zu stellen.
Zwischen den Beiträgen brachten sich die Teilnehmenden aktiv in Zukunftslaboren zu Zukunftsszenarien, Wasserstoffwirtschaft und der Nachhaltigkeitsrendite von Sicherheitsinvestitionen ein. Z. B. wurde der Rat unter Leitung von Prof. Mark Lawrence (RNE, RIFS) und Hubertus Paetow (RNE, DLG) bei der Konkretisierung der Zukunftsszenarien für „Deutschland 2030plus“ unterstützt, die plausible Entwicklungspfade beschreiben und als Grundlage für ein Präferenzszenario einer lebenswerten Zukunft dienen sollen. Überraschende Einigkeit herrschte in der Diskussion mit Kerstin Andreae (BDEW), Dr. Sabrina Schulz (EIES) und Prof. Kai Niebert (RNE und DNR): Der Ausbau und auch der Import von Biomethan seien keine Option, Elektrifizierung habe Vorrang und gleichzeitig brauche der Wasserstoffhochlauf mehr politische Aufmerksamkeit, verlässliche, Europäisch abgestimmte Rahmenbedingungen und ein Äquivalent zum EEG für Wasserstoff.
Zum Abschluss brachten Kinder vom Nachbarschaftsheim Neukölln tanzend, rappend und singend ihre Nachhaltigkeitsthemen auf die Bühne.
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