Ohne Daten keine Steuerung: Ein kritischer Blick auf den Omnibus-Trilog

Die Verhandlungen zum sogenannten Omnibus der EU gehen in die nächste Phase. Der Trilog, also die Abstimmungsrunde zwischen EU-Parlament, Rat und Kommission, soll nach aktuellem Zeitplan bis zum 8. Dezember 2026 abgeschlossen werden. Doch nach der jüngsten Abstimmung zeigt sich, dass die Positionen der Institutionen auseinanderliegen. Nach Wunsch der Mehrheit des Parlaments, die in einer unheilvollen Koalition zwischen konservativen und rechten Parteien zustande kam, sollen scheinbar immer mehr Unternehmen aus der Nachhaltigkeitsberichterstattung herausfallen. corsus hält diese Entwicklungen für schädlich für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft in Europa und für die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele weltweit.

Ein Streitpunkt im Trilog ist der Umfang der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Während der Rat von 4.792 Unternehmen ausgeht, die künftig berichtspflichtig wären, sieht das Parlament nur 3.914 Unternehmen im Geltungsbereich – unter der Annahme, dass etwa 30 Prozent der Tochterunternehmen eigenständig berichten. Die Entscheidung läuft damit schätzungsweise auf eine Reduktion von rund 90 bis 92 Prozent der ursprünglich berichtspflichtigen Unternehmen hinaus. Ein weiterer kritischer Verhandlungspunkt sind die Transitionspläne für Klima. Sie gelten eigentlich als Herzstück der zukünftigen nachhaltigen Unternehmenssteuerung, denn sie sollen offenlegen, wie Unternehmen ihre Transformationspfade und Dekarbonisierungsstrategien ausgestalten. Doch nach Ansicht des Parlaments sollen diese nun nicht mehr verpflichtend sein. Würde dies so endgültig umgesetzt, verlöre die EU ein zentrales Instrument, um verlässliche, vergleichbare und flächendeckende Nachhaltigkeitsdaten zu erhalten. Daten, die dabei helfen, Nachhaltigkeitsaktivitäten zu steuern, um globalen Herausforderungen zu begegnen und die ebenso von Investor:innen benötigt werden. Sowohl die Europäische Zentralbank als auch andere Investor:innen und Banken warnen davor, dass eine weitere Abschwächung der Vorgaben zu einem erheblichen Transparenz- und Datenmangel führen würde. Ohne verlässliche Informationen zu Emissionen und Transformationsmaßnahmen fehlt Banken beispielsweise die Grundlage, nachhaltigere Kreditentscheidungen zu treffen. In einem aktuellen Schreiben betonte EZB-Präsidentin Christine Lagarde daher ausdrücklich, dass eine Verwässerung der Transparenzpflichten den Finanzsektor strukturell blind machen würde. Klimarisiken könnten dann nicht mehr angemessen bewertet werden.

Trotzdem gibt die EU an, ihre Klimaziele weiterhin erreichen zu können. Zwar hat die EU es gerade noch vor der Conference of Parties (COP) in Belém geschafft, ihre Klimaziele zu aktualisieren und sich darauf zu verständigen, ihre Emissionen bis 2040 um 90 Prozent zu senken. Doch auch hier schwächt sie die Zielsetzung ab, indem sie zulässt, dass fünf Prozent davon dadurch erreicht werden können, dass Klimaschutzmaßnahmen anderswo auf der Welt finanziert werden (Zertifikate). Da sich die fünf Prozent auf 1990 beziehen, bedeutet dies laut Öko-Institut, dass die EU dadurch 2040 rund fünfzig Prozent mehr Treibhausgase emittieren kann, als dies ohne die Zertifikatregelung der Fall gewesen wäre.

In einem Punkt im Omnibus-Verfahren herrscht zwar formale Einigkeit zwischen Parlament und Rat, allerdings nicht im positiven Sinne: So soll die zivilrechtliche Haftung im Rahmen der Corporate Social Due Diligence Directive (CSDDD) wegfallen. Zudem wären durch die neuen Unternehmensschwellen von 5.000 Mitarbeitenden und 1,5 Milliarden Euro Umsatz nur noch rund 1.300 Unternehmen in der gesamten EU von der Berichtspflicht nach CSDDD betroffen. Damit wird die Wirkungskraft der Richtlinie erheblich reduziert und sie verliert einen Großteil ihrer ursprünglichen Durchsetzungskraft.

Gleichzeitig zeigt ein Blick auf den unternehmerischen Diskurs, dass die weit verbreitete Behauptung, Unternehmen lehnten die CSRD oder CSDDD kategorisch ab, nichtzutreffend ist. Zwar ist strittig, ob die Vielzahl der ursprünglichen Indikatoren sinnvoll ist oder ob jede einzelne Ableitung der sogenannten IROs (Impacts, Risks, Opportunities) zur Beurteilung der Nachhaltigkeitsthemen so detailliert sein muss, doch auch namenhafte Unternehmen möchten keine Abschaffung der Regulierung, sondern eine praktikable und verlässliche Umsetzung.

Ein aufschlussreiches Beispiel für die Kontroverse gibt es rund um die CSDDD. In dem sogenannten „Evian Letter“, behaupteten die CEOs von Siemens und TotalEnergies im Namen aller 46 Teilnehmenden des deutsch-französischen Gipfels für eine vollständige Abschaffung der CSDDD zu sprechen. Schnell stellte sich heraus, dass diese Aussage nicht mit den tatsächlichen Positionen vieler Unternehmen übereinstimmte. SAP erklärte öffentlich, dass das Schreiben nicht mit ihren Positionen abgestimmt und nicht im Einklang mit ihrer Haltung sei. Der CEO von Bpifrance gab an, den Brief vor Veröffentlichung nicht gesehen zu haben, und Amundi betonte, weder teilgenommen noch unterzeichnet zu haben. Weitere Unternehmen wie BMW, Danone oder BASF machten deutlich, dass sie zwar Vereinfachungen befürworten, eine Abschaffung der Richtlinie jedoch nicht. Reaktionen auf den „Evian-Letter.

Darüber hinaus gibt es auch Unternehmen, deren Geschäftsführer:innen sich aktiv für die Erhaltung der CSDDD einsetzen. So schreibt Antje von Dewitz, CEO bei VAUDE und Vorständin beim Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) bei dem sich auch corsus engagiert, in einem aktuellen LinkedIn-Post (3) Posten | Feed | LinkedIn: „Regulierung darf vereinfacht werden – aber Vereinfachung darf nicht zur Abschaffung der Kernziele führen. Es gibt Wege, #Bürokratie abzubauen, ohne die Ziele zu verwässern: proportionale Anforderungen, digitale Prüf- und Meldeprozesse, klare Leitfäden. Viele Verbände haben genau solche Lösungen vorgeschlagen“. Sie verweist darauf, dass mit den derzeitigen Vorschlägen „ein Flickenteppich aus Regeln [entsteht], der weder Rechtssicherheit noch Planung ermöglicht. Das zeigt auch die Einschätzung des Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW): Der politische Kurs schafft Unsicherheit, reißt Standards ein und öffnet Tür und Tor für eine Entwicklung, die Europa schwächt – gesellschaftlich wie wirtschaftlich.“

Gerade vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig Transparenz und Klarheit in der politischen Debatte sind. Unternehmen fordern klare und stabile Rahmenbedingungen, der Finanzsektor benötigt belastbare Nachhaltigkeitsdaten und die Politik muss sicherstellen, dass Klimaziele wirklich erreicht werden können.

corsus empfiehlt Unternehmen weiterhin, ihre Nachhaltigkeitsstrategien konsequent auszubauen und die Menschenrechte in ihren Lieferketten wirksam umzusetzen, sonst gehen sie damit ein erhebliches und langfristiges Risiko ein.

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